Zwischen Verantwortung und Erschöpfung
Ein Gespräch mit einer Ärztin der neurologischen Intensivstation über Erschöpfung, Verantwortung und das, was wirklich müde macht.
„Ich liebe meinen Job, aber es sind die Rahmenbedingungen, die mich erschöpfen."
Warum sind Sie eigentlich Ärztin geworden, und warum Neurologie?
Das kam tatsächlich schon früh im Studium. Ich habe meine Doktorarbeit in der Neurologie gemacht und war sofort fasziniert. Es ist einfach ein unglaublich spannendes Fach, so vielseitig, so komplex. Im praktischen Jahr an der Uniklinik hat sich das dann nochmal bestätigt. Man hat das Gefühl, wirklich etwas zu bewegen.
„Man muss sehr schnell verstehen, was der Patient hat, und direkt reagieren."
Und heute arbeiten Sie genau dort, wo es darauf ankommt…
Ja, ich bin auf der neurologischen Intensivstation. Das ist schon ein besonderer Ort. Da geht es oft um Minuten. Man kommt zum Dienst und weiß nie genau, was einen erwartet. Zwölf Patient:innen, viele davon beatmet. Jeder Fall ist anders. Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit.
Es ist intensiv. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Das klingt nach genau dem, was Sie sich gewünscht haben.
Eigentlich schon. Und ich würde auch sagen: Die Arbeit an sich ist genau das, was ich machen will.
„Ganz ehrlich: Es ist nicht die Arbeit selbst."
Was ist es dann?
Es ist das Drumherum. Dinge, die man von außen gar nicht sieht.
Die Tage hören einfach nicht auf, wenn sie sollten. Man schaut auf die Uhr und weiß: Eigentlich wäre jetzt Feierabend, aber man bleibt. Weil man muss. Weil es sonst nicht aufgeht.
„Eigentlich habe ich Feierabend, aber ich weiß, ich bleibe trotzdem noch."
Und das passiert nicht einmal. Das passiert ständig.
Wie fühlt sich das auf Dauer an?
Erschöpfend. Vor allem, weil es nicht nur um die Zeit geht.
Es ist dieses Gefühl von Verantwortung. Nicht nur für die Patient:innen, sondern auch fürs Team. Man weiß, wenn man ausfällt, müssen andere einspringen.
„Man traut sich kaum, krank zu sein, weil man das Team nicht belasten will."
Das ist schwer zu beschreiben, aber das geht einem schon nah.
Was belastet Sie mehr, die Arbeit oder die Bedingungen?
Ganz klar die Bedingungen. Die Arbeit macht mir wirklich Spaß. Ich mache das gern. Aber das, was drumherum passiert, das ist das, was müde macht.
„Die Arbeit macht Spaß. Aber die Rahmenbedingungen erschöpfen."
Viele denken ja, es liegt vielleicht am Team oder an einzelnen Personen…
Überhaupt nicht. Das Team ist toll. Wirklich. Man unterstützt sich, man hält zusammen. Deshalb ist es auch so schwierig. Weil es eben nicht daran liegt.
Woran liegt es dann?
Am System. An den Strukturen. An Dingen wie Einspringlisten, bei denen man eigentlich nie wirklich frei hat. An Diensten, die man nicht richtig planen kann. An Überstunden, die sich einfach ansammeln. An der Tatsache, dass man sein eigenes Leben kaum planen kann.
Es ist nicht ein großes Problem. Es sind viele kleine Dinge, die zusammenkommen.
Und trotzdem sind Sie noch da. Warum?
Weil die Arbeit selbst einfach unglaublich erfüllend ist. Die Medizin. Die Fälle. Das Lernen. Das Team.
„Der Job macht mir wahnsinnig viel Spaß."
Und das ist auch das, was es so schwierig macht.
Inwiefern?
Weil man merkt, wie sehr man diesen Job eigentlich liebt, und gleichzeitig merkt, wie sehr einen die Umstände belasten.
„Man muss aufpassen, dass man dabei nicht selbst auf der Strecke bleibt."
Das ist, glaube ich, der Punkt.
Was würde Ihnen helfen?
Gar nicht unbedingt etwas Großes. Mehr Planbarkeit. Ein bisschen mehr Flexibilität. Die Möglichkeit, wirklich abzuschalten. Und ehrlich gesagt auch einfach mehr Anerkennung.
„Ein bisschen mehr Wertschätzung würde schon viel verändern."
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was müsste sich ändern?
Dass man wieder mehr das Gefühl hat, dass das eigene Leben neben dem Job Platz hat. Mehr Zeit. Mehr Flexibilität. Und ein System, das versteht, dass hinter jedem Arzt auch ein Mensch steht.
„Wenn ich mein Leben besser planen kann, würde das schon wahnsinnig viel helfen."
Was in diesem Gespräch deutlich wird, ist schwer zu ignorieren.
Hier spricht kein Mensch, der seinen Beruf infrage stellt.
Im Gegenteil.
Hier spricht jemand, der ihn liebt.
Und genau das macht es so eindrücklich.
Denn es zeigt:
Nicht die Arbeit ist das Problem.
Sondern die Bedingungen, unter denen sie stattfindet.
Ein System, das von Menschen getragen wird, die jeden Tag alles geben,
und dabei oft selbst an ihre Grenzen kommen.
Und vielleicht ist genau das die Frage, die wir uns stellen sollten:
Wie lange kann ein System funktionieren, das auf so viel Engagement baut,
aber so wenig Raum lässt, gesund zu bleiben?